S.: Reisen in die Felsengebirge ...
in:
Zeitschrift für allgemeine Erdkunde. Neue Folge. Bd.10, 1861.

SS. 150-151.


Eine gährende Welt eröffnet sich in diesen Briefen im Gegensatze zu der starren Unveränderlichkeit des Orient`s. Die blasirteste Gewissenlosigkeit und raffinirteste Speculation befördert den Reisenden, nachdem ihr so eben erst auf der gesunkenen "Central-Amerika" 500 Menschenleben zum Opfer gefallen, auf gleich fehlerhaften Schiffen an den Isthmus von Panama und - hüben und drüben dieselbe - von Panama nach San Francisco. Aber San Francisco ist seit 1854 schon alt geworden, der Schwerpunkt des westlichen Eldorado ist schon weiter in`s Innere gerückt. Entschieden aber documentirt sich der Zerfall in der Jesuiten-Mission San Fernando bei Pueblo de los Angelos; äusserst heruntergekommen an Indianern, Pferden und Rindvieh gehört sie jetzt dem mexicanischen General Pico, der sie von der Vereinigten-Staaten-Regierung kaufte. In dem Tulare- (Binsen-) Thale dagegen, jenseits des Tejon-Passes, wird die Farm eines Mr.Bishop besucht, eines speculativen Schafpächters, der am sanften Abhange eines Berges sein Wohnhaus errichtet hat, um von dort aus in der viele Quadratmeilen großen Thalmulde sein weidendes Vieh durch das Fernrohr in beständiger Aufsicht zu haben. Gerade er hat auch die Winter-Verpflegung eines ganzen Assortiments von Kamelen und Dromedaren übernommen, welche die Regierung in Egypten auswählen aund aufkaufen liess. Die Thiere haben bereits auf der Landreise von Texas bis hierher ihre ausgezeichnete Brauchbarkeit für den Kriegstransport durch Sand- und Felsenwüsteneien bewährt. Denn es sieht kriegerisch aus im äussersten Westen: der Mormonenstaat ist aufsätzig und intriguirt unter bekannten und selbst kaum dem Namen nach bekannten Indianerstämmen. Die Colorado-Expedition erhält daher schliesslich den Hauptzweck, die Brauchbarkeit des Stromes zu einer Kriegsstrasse zu erforschen. Ein kleines eisernes Dampfboot, eigends für die Expedition in Philadelphia erbaut, in Stücke zerlegt nach San Francisco befördert, wird von dort mit der nöthigen Ausrüstung auf einem Schooner um Cap St.Lucas herum an die Mündung des Colorado gesandt, wo es zusammengesetzt werden soll. In Fort Yuma, am Zusammenflusse des Gila und Colorado sollen dann die land-Expeditionen, welche von zwei californischen Küstenpunkten aus in verschiedene Forts Packthiere und Trainknechte engagiren werden, wieder über Land mit dem Dampfboot und dem Reste der Reisegesellschaft zusammentreffen. Wasserlose Sandwüsten, die Stromfahrt über Sandbänke und zwischen Klippen und Felsen, die ungeheuren Plateau`s bis zur Höhe von 9000 Fuss in senkrecht abgestufte Terrassen sich aufbauend, verlassene Indianerstädte, Strassen räthselhafter Völkerwanderung, Indianerfeindseligkeiten unter einander und Politik der Regierung in Behandlung der einzelnen Stämme, amerikanische Milizen und mexicanische Pater, Idyllen der Wilniss, Jagd- und Indianer-Abentheuer, Reiseerlebnisse, Thierleben sind der vielfarbige Inhalt dieses glänzend ausgestatteten, elegant erzählenden Reisewerkes. Bis zum Rio de la Virgin erwies der Colorado sich schiffbar, es gelang sodann weiter aufwärts noch einmal vom Hochplateau zu ihm hinabzuklimmen; ein zweiter Versuch schlug fehl. Ueber Neu-Mexico kehrte der Verfasser an den Missouri zurück. Vielfach nimmt Herr Möllhausen auf seine früher in umgekehrter Richtung gemachte Expedition und auf seine Streifzüge als Begleiter des chavaleresken, jüngst verstorbenen Herzog Paul von Württemberg westwärts vom Missouri Bezug; einzelne äusserst interessante Episoden daraus mittheilend. Die Illustrationen, namentlich die Indianerabbildungen und Berglandschaften, verdienen alles Lob. Kurzum dies Werk ist eine Bereicherung gelehrter Bibliotheken zugleich und eleganter Salons.

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