J. J. Honegger: Wildes Blut
in:
Blätter für literarische Unterhaltung. 1887. Nr. 4.

Seiten 646-647

Der Roman "Wildes Blut" von Balduin Möllhausen [...] hat den Vorzug eines höchst pikanten und originell anklingenden Stoffs.
      Wenn wir in der Jugend die mit prickelndem Grauen und markanten Schilderungen vollgespickten Cooper`schen Romane und Verwandtes gelesen haben, so bewahren wir immer eine gewisse Sympathie für diese nicht gerade reinlichen, aber durch hervorragende Instincte (und wäre es der Hang zum Scalpieren) ausgezeichneten braunen Gestalten, mehr eigentlich noch für die weiten Tummelplätze, auf denen sie sich ungebunden bewegen. Nach Cooper ist diese amerikanische Urwelt etwas in Vergessenheit gekommen; die ganze indianische Literatur beschränkt sich auf wenige, an den Fingern herzuzählende Namen von Bedeutung. Das ist begreiflich, aus zwei Gründen. Einmal bieten diese instinctiven Naturzustände mit im Ganzen immer gleichen Grundzügen doch nicht Mannichfaltigkeit genug, um psychische Zeichnungen in größerer Zahl zu gestatten; und zweitens erfordert es eine intensive Kenntniß und langen Aufenthalt an Ort und Stelle sowie Umgang mit Kindern dieser Stämme, der nicht gerade verlockend erscheint für Leute, welche mit feiner Hand die Feder führen. Unter den specifischen Schilderern ist mir kein Deutscher bekannt. Die großartigen Natur- und Völkerbilder eines Sealsfield gehören einem total anderen Genre oder Kreise an, und auch die unerschöpflich fließende Massenschilderei eines Gerstäcker mit ihren Streifzug- und Jagdgeschichten fällt nur zum kleinen Theil in dieses specielle Gebiet. Wir finden uns sonach überrascht, wenn ein deutscher Roman dasselbe betritt.
      Nun ist allerdings gleich eine starke Einschränkung zu machen: Möllhausen`s Erzählung führt uns in der kurzen Einleitung (erstes und zweites Kapitel auf 38 Seiten) die greuelvollen Racheacte des nordamerikanischen Sklavenkriegs dicht vor das Auge, und ein großer Theil der Geschichte spielt im Verlauf auf norddeutschem Strande; aber der Faden reißt nicht, und die lebendige Beziehung zu dem nordamerikanischen far-west, wo noch am längsten die indianischen Jagdgründe sich erhalten haben, bleibt ungeschmälert. Denn im Centrum der Handlung steht eine großartig und vielgliederig bis ins fünfte Glied verzweigte, auf dem äußersten Punkte der Pioniere der Cultur mit fürstlichem Besitzthum angesessene Farmerfamilie, in deren Adern einige Tropfen indianischen Bluts fließen, und gerade um diesen Punkt dreht sich der processartig ausgetragene Conflict. Kurz, einige hochromantische unheimliche Indianergestalten, die letzten ihres untergegangenen Stammes, dazu ein Neger als treuer Diener, spielen bedeutsam mit. Das Hauptgemälde führt uns die von einer einzigen, allerdings sehr zahlreichen deutschen Familie bebaute deutsche Mustercolonie vor, welche nicht weniger als ein unabhängiges kleines Fürstenthum darstellt, ein Gemälde von ganz eigenartig wirkendem anmuthigen Zauber. Und die Hauptgestalt ist die über achtzig Jahre alte mächtige und willensstarke Patriarchin, des gesegneten Geschlechts souveräne Urgroßmutter.
      Die hälfte der Erzählung kommt in ihrer Wirkung einem ausgeprägten Sensationsroman gleich, obschon man nicht gerade sagen kann, daß die Farben gewaltsam und zu stark aufgetragen seien; sie entsprechen eben den an Schrecken reiche Situationen. Zu dem Furchtbarsten zählen gerade jene zwei Einleitungskapitel, die unter den Titeln "Der weiße Flüchtling" und "der schwarze Flüchtling" die teuflische Grausamkeit enthüllen, mit welcher der fanatische südstaatliche Parteihaß die nordstaatlichen Gefangenen in den Tod trieb, und daneben die uns Culturmenschen geradezu wunderbar erscheinende Schlauheit und Kraft halbwilder Naturkinder im Kampfe gegen ihre Feinde: das sind die wuchtigsten Schlageffecte. Wenn wir dann auf deutschem Boden in die Schleichwege, die dunkeln Geheimnisse und gewaltsamen Manipulationen einer Schmugglerbande eingeweiht, auf nordamerikanischem mit den schauderhaften Plänen eines Indianerüberfalls vertraut gemacht werden, so fehlt es wahrlich nicht an Schrecken, Mysterien und Erschütterungen.
      Schildern wir zuerst den zu Grunde liegenden Conflict.
      Die alte Urgroßmutter Lady Liberty heißt so, weil ihr heilig gehaltener Wahlspruch lautet: Freiheit und Gerechtigkeit, die zwei Grundprincipien, nach denen ihr kleiner Staat verwaltet wird, in welchem die mündigen männlichen Glieder unter dem Vorsitz ihrer verehrten Altmutter eine Art Repräsentantenhaus und zugleich Gerichtshof bilden. Ihr ältester Sohn war zur Zeit unserer Geschichte schon lange verstorben, ist aber ebensowenig vergessen wie der ebenfalls zu früh gestorbene und in hohem Andenken gehaltene Gemahl der energischen Frau. Jener Sohn heirathete zweimal: erst eine durch besondere Anmuth ausgezeichnete Indianerin mit dem passenden Namen Grace; sie starb früh mit Hinterlassung eines gleichgearteten und ebenso benannten Töchterchens, das ein Deutscher Namens Benfeld heimführte, welcher dann nach Norddeutschland zurückkehrte. Auch dieses Paar stirbt jung und hinterläßt ebenfalls eine Tochter, Florence, an welcher etwas weniges noch von indianischem Blut zu spüren ist. Zum zweiten mal heirathete dieser Sohn eine ebenso schön wie herzenskalte und hochfahrende, heftige und fanatische Südländerin in Neuorleans. Aus den Kindern dieser Ehe bleibt, nachdem der Gemahl gestorben und die Söhne dem Kampf gegen den Norden geopfert wurden, auch nur ein Mädchen übrig, die jüngste Grace, die heimlich der Mutter entführt, zur Urgroßmutter auf die Colonie gebracht und da sorgsam erzogen wird. Nun will die hochmüthige Südländerin jene Florence, die ebenfalls aus Deutschland zu ihren amerikanischen Verwandten zurückgebracht worden, nicht als zur Familie gehörend und erbberechtigt anerkennen und läßt gegen sie all ihre Intriguen spielen, leugnet sogar ihre rechtmäßige Abstammung. Lady Liberty aber steht auch hier unbedingt für Recht und Wahrheit ein, indem sie mit Hülfe eines tüchtigen Mannes sorgsame Nachforschungen anstellt. Die aufgefundenen Documente über jene alten Vorgänge bei der ersten Heirath und alle weitern Vorkommnisse und dazu der feierliche Familienrath sprechen schließlich und unwiderruflich die Gleichstellung der beiden anmuthigen Mädchen aus, und damit ist der fast nach Art einer Criminalgeschichte verwickelte Process zu Ende.
      Die zwei Stiefschwestern, höchst ungleicher Natur und doch beide gleich reizende Wesen, innig sich liebend, werden glückliche Ehefrauen. Der Verfasser übt volle Gerechtigkeit, indem er es allen Personen gut ergehen läßt, die das Rechte angestrebt und ehrbar gehandelt haben, so zumal auch dem prächtigen alten Neger Tiptoe, der eigentlich gar nicht Diener, sondern förmlich Familienmitglied ist. Uebel geht es blos der bösen Frau in Neuorleans, die nicht blos ihr Spiel ganz verliert, sondern dazu noch von ihrem niederträchtigen Unterhänder bestohlen wird und verarmt, worauf auch wieder Lady Liberty im Andenken an ihren geliebten Aeltesten der anspruchsvollen Dame einen angemessenen Rentenantheil mit rechtlicher Gültigkeit zusprechen läßt. Friede mit der Colonie!
      Diese Erzählung nimmt eine ganz besondere Stelle ein. Man wird sie unzweifelhaft nicht ohne Spannung lesen, aber schließlich doch den Eindruck zurückbehalten, daß ihre Anziehungskraft mehr Verdienst des Stoffs ist als der Darstellung. Eine in beiden Welttheilen spielende Geschichte, welche alle Vorzüge fesselnden Interesses besitzt; ein Material, das uns zum großen Theil durch originelle Neuheit fesselt und dessen Kenntniß wenigen zu Gebote steht; eine sehr inhaltreiche Handlung voll der springendsten Wechsel durch alle Stimmungsgrade hindurch, vom Lieblich-Anmuthigen bis zum Schrecklichen und Grauenhaften; Menschen aller Civilisationsstufen und mit allen guten und bösen Eigenschaften. Auf der Zeichnung der drei Frauencharaktere, der alten und der beiden feinen Mädchen, ist viel Sorgfalt verwendet; das Gesammtbild einer mächtigen nordamerikanischen Colonie des fernen Westens hat Züge des Großartigen wie des Idyllischen. Die Handlung ist rasch und consequent durchgeführt; hat sich der Autor ja nicht einmal verleiten lassen, größere Landschaftsbilder einzufügen, zu denen doch die gewaltige Natur jener Länder hinreichend Anlaß bieten dürfte; alle nutzlosen Reflexionen sind vermieden, dafür danken wir dem Verfasser.

J. J. Honegger

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