Reinhard Mosen: Der Haushofmeister
in:
Blätter für literarische Unterhaltung. 1885. Nr. 14.

Seite 220.

[...] "Der Haushofmeister" von Balduin Möllhausen [...] ist so recht für ein möglichst großes und naives Publikum berechnet, welches à tout prix unterhalten sein will. Zunächst muß man beim Referat über ein solches Werk bestehen, daß der üppig aufschießende Reichthum dieser Erzählerphantasie ganz erstaunlich ist und den Leser ebenso verblüffen kann wie die bewundernswerthe Unverfrorenheit, mit welcher der Autor Zeit, Personen und Verhältnisse zwingt, sich seiner suprema voluntas zu fügen. Balduin Möllhausen kann es sich natürlich nicht versagen, auch diese Erzählung theilweise in den Tropen spielen zu lassen, und man kann bei allem Aerger über so schreiende Willkürlichkeit der Composition doch ein gewisses behagliches Lächeln über die prestidigitatorische Fixigkeit nicht unterdrücken, mit welcher der unerschrockene Fabulant die Handlung auf dies sein Specialterritorium hinüberspielt. Dabei thut der Schalk sehr ernsthaft und fällt nirgends aus dem Ton, sodaß der naive Leser immer fester an die Folgerichtigkeit und Nothwendigkeit dieser Composition glauben muß. Als Kunstwerk in strengem Sinn kann dergleichen farbig funkelndes Spielzeug allerdings nicht gelten, obgleich es sich nach den Schlußworten eine daran streifende Aufgabe gesetzt hat: "Die Natur ist meine Freude, der Versuch des Schilderns ihrer Einwirkung auf den Sterblichen meine Lieblingsaufgabe." Dieser ist allerdings, in höherer Richtung genommen, nur wenig künstlerisch erreicht, doch ist bei alledem ein gesunder Kern in dem Buch, den herauszuschälen sich viele Leser gern beeifern werden, da die so üppig wie unter tropischer Sonne sich entfaltende Phantasie des Autors ihn befähigt, kräftig zu enrwerfen und markig zu zeichnen, und bei allemdem das gesunde moralische Gefühl nirgends verletzt wird. Zu bedauern ist freilich auch hier, daß ein so großes Erzählertalent so zügellos dahinbraust, statt sich zu sammeln und zu künstlerischem, freilich auch mühsamerem Schaffen zusammenzufassen! Aber bei Möllhausen`s ganzer Schreiberei und Eigenthümlichkeit wird es in dieser Beziehung wol heißen müssen: "Sit ut est, aut non sit!" [...]

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