NN: Das Finkenhaus
in:
Blätter für literarische Unterhaltung. 1872. Nr. 40.

Seiten 631-632.

[...] Nicht unähnlich dem vorigen ist der Roman von Balduin Möllhausen: "Das Finkenhaus" (Nr. 3), doch geben wir gern zu, daß er hinsichtlich der Erfindung und Durchführung der Charaktere und Situationen namhafte Vorzüge vor demselben besitzt, zumal solange er auf dem Oceane und in Amerika spielt. Von dem Momente ab, wo ein Hauptheld, und natürlich der Leser mit ihm, plötzlich nach Berlin versetzt wird, kommt keiner aus dem Gefühle des Unbehagens heraus. Endlich ist die Entlarvung der Schurken gelungen, es spritzt wieder der Schaum der Atlantics um den Schnabel des Schiffs, wir kommen wieder in das gelobte Land der Freiheit, wo der Schurke wie der Biedermann weniger maskirt einhergehen, und endlich wird alles gut. Mit dem alten Goldfink, der nur Schätze sucht und und dem seine Negerin Klio, nachdem sie über ein halbes Jahrhundert ihn gehaßt und ihm nach dem Leben getrachtet hat, endlich - Klapperschla(n)gen in die Geldkiste prakticirt; ebenso mit dem Käferfink, seinem unähnlichen Bruder, der nur Käfer sucht und gänzlich ohne Bewußtsein davon ein moderner Held und in der Katastrophe wesentlich thätig ist, wollen wir uns nicht beschäftigen, der Leser wird ihr Leben und Treiben besser und lieber aus der Lektüre selbst kennen lernen. wir wollen aber auf den dritten Bruder, den Stiefbruder beider, der in Berlin zurückblieb, aufmerksam machen. Aus zweiter Ehe entstammend, war er das enfant gâté seiner Aeltern, that aber nicht gut, sondern rückte eines Tages aus, um in Hamburg unter die Akrobaten zu gehen. Er wurde Jongleur, gewiß kein sehr geachtetes Gewerbe, wie Frau Amelie Bölte zugeben wird. Aber - es ernährt seinen Mann; auch weibliche Künstler diesen Schlags verdienen meisthin, was sie bedürfen und mehr, wie uns die "Riesin" erkennen läßt. Jetzt kommt die Nemesis. Der Jongleur ist von einer geliebten Frau füh Witwer geworden und besitzt nur eine Tochter, eine in jeder Hinsicht excellente junge Dame. Sie ist Malerin und trägt durch den Verkauf ihrer Bilder dazu bei, die häuslichen Existenzmittel zu vermehren. Das ist umso nothwendiger, als der Vater, seit seine Tochter die ersten Kinderschuhe vertreten, das geringgeschätzte Gewerbe des Messerwerfens u. s. w. aufgegeben hat und - für Geld abschreibt. Von früh morgens bis in die Dämmerungszeit sitzt er und schreibt, aber er verdient nur wenige Groschen. Auch früher, als er noch die Nächte zu Hülfe nahm, war seine Einnahme überaus kärglich. In den letzten Jahren aber sammelt er Thaler zu Hunderten; er geht nämlich abends aus. Wohin? Seine Tochter selbst erfährt es nicht, und als gutes Kind forscht sie auch nicht danach. Da bricht in Gestalt eines Elenden, eines Berliner Louis, die Nemesis in das friedliche Haus, in dem Vater und Tochter ein fleißiges und behagliches Leben führen, und die Tochter erfährt, daß der Vater abends - Jongleur ist, Kugeln und Stäbe tanzen läßt, Messer wirft, Säbelklingen in den Magen schiebt u. s. w. Entsetzlich! Doch nimmt die Tochter Vernunft an und kann es auch um so leichter, als der Fiseur des Romans, ein hochgradig wohlthätiger juif errant, gerade eintrifft und eingreift, indem er sie nach Amerika in die Arme ihres Bräutigams führt und ihrem Vater ebenfalls zu einem ehrenvollern Wirkungskreise daselbst verhilft. Ueberhaupt kommt dieser alte Jude überall, in Europa und Amerika, den Bedrängten ungebeten zu Hülfe und hilft wirklich derart, daß wir nichts so sehr beklagen, als daß solche Wohlthäter, einerlei ob Jude oder Nichtjude, solche dei ex machina nicht häufiger sind und eben nur in Romanen und undramatischen Dramen vorkommen. Wären diese Helfer in allerlei Nöthen nicht so überaus selten, verlegten sich mehr reiche Menschen, deren Hauptgeschäft doch nur Couponsschneiden ist, auf dieses die Seele und das Romanpublikum so sehr befriedigende Nebengeschäft, so wäre auch für die heirathsfähigen und heirathslustigen Töchter unbemittelter Eltern besser gesorgt, sie bräuchten sich nicht nach einem Erwerbszweige umzusehen, der ihnen doch au fond du coeur niemals zusagt. [...]

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