Alexander Jung: Exotische Romane (Der Meerkönig)
in:
Blätter für literarische Unterhaltung. 1867. Nr. 51.

Seiten 807-810





brave Onkel ihn forttreibt, fern hält, da eine Mesalliance sein Tod wäre. Aber wir haben nicht Zeit, dürfen nicht länger im Himmel und im Umgange mit solchen Menschen verweilen, sondern müssen auch wieder zu den satanischen hinunter, freilich auch hinauf, während ein armes Weib aus niederm Stande, deren Mann ein geschulter Teufel, Gauner der infamsten Art und Verkündiger neuer Verbrechen ist, im Fegfeuer sitzt, noch zweifelt und sich quält, obwol Renate wie Onkel und Neffe ihr sechs hülfreiche Hände aus dem Himmel bieten. Doch es gibt auch im Diabolischen sehr verschiedene Abstufungen und Rangunterschiede. Es gibt auch Grafen und deren Schwestern, die mit der Hölle in lebhafter Geschäftsverbindung stehen, und die, wenn sie, von Unruhe gefoltert, wol gar fürchten, daß sie auch äußerlich entehrt werden, dem Gesetz und seiner Strafe verfallen könnten, es nicht unter ihrer Würde halten, mit obigem Gauner zu unterhandeln, sich ihm in die rettenden Arme zu werfen. Das ist allerdings eine andere Umgebung, zu der uns jetzt der Dichter hinaufführt, als jenes Heiligthum der Gräfin Renate. Wir sind auch in einem der stattlichsten Paläste, schreiten auch über Marmorstufen, prächtige Teppiche; aber dieser Saal, das Wohnzimmer des Grafen Hannibal, zeigt nirgends Geschmack, sondern nur strotzenden Luxus, Pomp, nirgends winkt uns von einer der Wände ein lieblicher Engel, eine züchtige Madonna, überall schreiende Ostentation, Jagdgeräth, Waffen, tändelnde, prunkende Nippes, üppige Divans, Fauteuils. Auf einem der Sofas liegt lsng gestreckt der Graf. Er hat Hundegesellschaft. Er vertreibt sich die schleichende Zeit mit einem großen Neufundländer und zwei kleinen Affenpinschern. Grausamkeit ist nicht zu entbehren, wo die Langeweile packt. Hannibal, Graf und Rittmeister zugleich, zaust und zwickt die Hündchen nach Herzenslust und setzt dem Fundländer soeben die Sporen in die Weichen, daß der Köter heult. Da ist aber auch schon die Gräfin-Schwester. Es sind wichtige Dinge zu besprechen. Es steht alles auf dem Spiele, wenn man nicht klug, pfiffig ist, wenn man nicht wagt. Clotilde übersieht ihren Bruder bei weitem. Er ist ihr feig. Ihren hochfliegenden Intriguen, neuen Schandthaten gegenüber ist er nicht blöde, wol aber fehlt`s ihm, wie die Leute sagen, am Besten: er ist ihr zu wenig gewitzigt, um es gelind zu bezeichnen. Doch - darauf rechnet wol auch die verschmitzte Schwester - eine gewisse Dummheit verträgt sich sehr gut mit dem Teufel, schon weil sie tollkühn macht, nur muß sie, wie hier, mit schwesterlicher Geriebenheit sich vereinigen. Gewiß hat Clotilde mit Zustimmung des Bruders einen Telegraphendraht ziehen lassen in die Spelunke des Gauners, um, wenn es gilt, zu signalisieren.
Eins der imposantesten Nachtstücke erschließt sich dem Leser, der sich auf eine starkes Grauen erregende Scene gefaßt mache, in dem Abschnitte: >Der Handel<. Der Dichter hat hier schon eine Höhe der Phantasie und Darstellung erreicht, die jede Erwartung überflügelt. Er bringt uns mit dem Gauner, dem Grafen und seiner Schwester - beide sind verpelzt, vermummt und bewaffnet, die letztere hat Mannskleider an - in eine Situation, die uns in eisiger Winternacht durch Kälte und Grausen zu schütteln beginnt. Wir befinden uns im abgelegensten Stadttheil, in einem weitläufigen Burgverlies, Posten und Treppen baufällig, die Räume nehmen kein Ende, noch dazu müssen wir auf eine der höchsten Etagen, noch dazu im Stockfinstern, noch dazu vom vertracktesten Bösewicht geführt. Kommt es doch darauf an, hoch oben, den verstecktesten Ort zu erreichen, bis zu dem kein fremdes Ohr reicht, da der geheimste Act vollzogen werden soll. Und doch folgt einer, den selbst der Gauner nicht ahnt. Die Nemesis schleicht, aber sie kommt. Zu welcher Selbstentehrung treiben Furcht und böses Gewissen! Graf und Gräfin, beide von aristokratischem Stolz bis zum Ueberlaufen erfüllt, kriechen hier recht eigentlich im Staube des obersten Dachbodens vor einem Gauner, da ihr Schicksal in seiner Hand ist. Bei einem schnell angezündeten Lichte packt den Grafen zwar der Koller des Hochmuths, doch der Gauner weiß Rath, er faßt eine Mauerkrampe, er braucht nur zu rucken, und der Bau bricht zusammen. Auch zieht er jenes Corpus delicti hervor.
Nicht minder grandios sind zwei andere Nachtstücke: der Raub Lieschens aus dem Dorfe durch eine vermeinte Marquise, und die spätere Befreiung des Kindes aus einem Palast, der ein im größten Stil ausgeführter Tummelplatz für nächtliche Orgien von unerhörter Frechheit ist.
Aber wo und wer ist der Meerkönig? Kein Leser wird es errathen, umso gewaltiger die Spannung. Der treffliche Dichter hat sich, nachdem er uns bereits Herrliches gespendet, noch so gar nicht ausgegeben, daß er mit der neuen Welt der Erde auch eine neue Welt der Poesie, voll concreter Gestalten, vor unsern Blicken enthüllt. Auch hier wieder der Kampf furchtbarer Gegensätze, das ergreifende Spiel edler, aber auch wilder Leidenschaften bis zum Tragischen. Wir sind bei den Bahama-Bänken angekommen. Welche Meerbilder rollen sich auf! Der seifengrüne Gischt spritzt an die Wolken. Der Sturm heult und rast mit Vernichtungswuth. Ein Kutter schießt, fast umgelegt, an uns vorbei, aber ein Steuermann führt ihn, dem der rasende Meeresbreughel nichts anhat. Mit dem Auge und Ohr des Dichters sehen und hören wir auch unter Wogenregen und -lärm. Ja, der dort ist ein Seeheld, wie wir ihn nie vernahmen, seine Kumpane, echtes Seemannsvolk in Humor und ausgelassenstem Fluchen, ohne Arg, si sind aus seiner Schule. Da ist aber auch schon wieder ein anderer. Der scheint wirklich eine Art Zauberer, Meerteufel zu sein, nur nicht ganz, denn er liebt den ersten - er liebt auch noch zwei, drei andere Menschen, mehr aber kaum - und hat seine Lust an dem Führer des Kutters. Er selbst, der Satan des Meers, commandiert den Cardinal, der sicher hier in See ankert, oben mit einer Glocke versehen, die wunderbare Lärmgeister weithin hinausschreit, nachts Flammen hinausschießt, den Schiffern zur Mahnung, die Bänke zu meiden, wenn den Teufel dort nicht auch bisweilen der Teufel plagt, daß er die Glocke stumm macht, die Flammen löscht.
Doch wir sind auf festem Lande und müssen eilen, um unsern Lesern nicht zu viel des Köstlichen, und doch nur mittelbar, zu überliefern, statt ihn zu bewegen, schnell möglichst an der frischen Quelle selbst sich zu erlaben.




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